Autor: Sören Starke
Seit vielen Jahren arbeite ich bei den Leipziger Sportlöwen in verantwortlicher Position. Mein eigener Weg im Judo begann im Leistungssport, führte mich später über die Verbandsarbeit in der Europäischen Judo-Union in die Vereinsarbeit und heute in die Geschäftsführung unseres Vereins. Und zwei Personen waren in all diesen Jahren immer wieder Teil meines Weges.
Ich kenne Annett Böhm und Tino Rose seit 1995. Zwei Wege, die völlig unterschiedlich begonnen haben und sich doch nach vielen Jahren wieder kreuzten. Annett habe ich im Sportinternat zum ersten Mal getroffen. Wir sind damals fast gleichzeitig eingezogen – sie aus Glauchau, ich aus Dresden –, beide am Anfang unserer leistungssportlichen Laufbahn. Mit Tino verband mich parallel der Schulwechsel nach Leipzig. Er war dort bereits fest im Verein verankert, tief verwurzelt in der Breitensportarbeit der Sportlöwen. Wir haben beide Judo gemacht, aber auf sehr verschiedenen Pfaden: ich im Leistungssport, Tino im Herzen des Vereins.
Annett ging konsequent den Weg des Leistungssports. Junioren-Europameisterin, Europameisterschafts-Bronze, Olympiabronze 2004, Platz fünf 2008. Eine Karriere, die in ihrer Konstanz und Qualität zu den stärksten im deutschen Frauenjudo gehört. Danach blieb sie dem Sport treu: journalistische Arbeit, Produktion, Moderation, Livestream-Kommentierung für den Weltverband und für die Europäische Judo-Union, mediale Begleitung der deutschen Judo-Nationalmannschaft. In Paris kommentierte sie für die ARD die Olympischen Spiele – der Höhepunkt dieser zweiten Karriere. Nach fast 20 Jahren ohne offizielle Auszeichnung ist der sechste Dan, den der Deutsche Judobund ihr nun verleiht, überfällig und verdient.
Meine Verbindung zu Tino verlief parallel über drei Jahrzehnte. Wir sind seit 1995 befreundet, durch gute und schlechte Zeiten. Während ich im Leistungssport unterwegs war, arbeitete er ununterbrochen für die Sportlöwen. Seit dem Studium habe ich das immer eng begleitet – erst in kleinen Projekten, später als Leiter der Geschäftsstelle und heute gemeinsam mit ihm im Präsidium. Tino übernahm 1999 extrem jung das Präsidentenamt. Er führte den Verein durch die größten Herausforderungen seiner Geschichte, besonders nach dem Hallenbrand 2008. Dass heute 700 Mitglieder bei uns trainieren – davon rund 450 in der Abteilung Judo – ist das Ergebnis dieses Aufbaus. Und es ist mehr als Judo: Wir bieten inzwischen neun Sportarten an und setzen bewusst unseren Anspruch um, ein Verein mit vielen Möglichkeiten zu sein. Leistungssport oder Freizeitsport, Einstieg oder Spitzenbereich – für jedes Leistungsniveau gibt es bei uns qualifizierte Trainerinnen und Trainer. Unsere Kader und unsere Sportschüler zeigen die Stärke im Leistungssport. Unsere große Breite, die vielen Kindergruppen, Aktionen, Reisen und Projekte zeigen die Stärke im Breitensport. Und als Stützpunktverein für Integration durch Sport tragen wir Verantwortung weit über die Matte hinaus.
Tinos Arbeit spiegelt das: In der Südvorstadt leitet er zwei U11-Gruppen mit fast 60 Kindern sowie zwei Anfängerkurse. Rund 140 Judokas gehören zu dieser Außenstelle – eine Struktur, die größer ist als viele eigenständige Vereine in Sachsen. Die Bindung zu seinen Gruppen, zu Kindern und Eltern, ist außergewöhnlich. Der dritte Dan des Judoverbands Sachsen würdigt erstmals diese jahrelange, kontinuierliche Leistung.
Dass wir beide an diesem Tag überrascht wurden, macht den Moment besonders. Wir erfuhren erst am Morgen von der geplanten Ehrung. Und der Rahmen hätte passender kaum sein können: der Leipziger Lions Cup. Nicht nur viele Vereine aus Sachsen waren in der Halle – entscheidend war, dass die eigenen Trainingsgruppen vor Ort waren. Die Kinder von Annett, die seit zwei Jahren voller Leidenschaft mit ihr trainieren, waren da. Die Kinder von Tino, für die er Trainer, Bezugsperson und verlässlicher Mittelpunkt ist, waren da. Eltern, Geschwister, Wegbegleiter – sie alle bildeten den Rahmen dieser Auszeichnung. Genau an dem Ort, an dem Vereinsarbeit sichtbar wird, fanden diese Ehrungen statt.
Heute sind unsere Wege längst zusammengekommen. Tino ist mein bester Freund. Annett ist meine Partnerin und wir stehen gemeinsam auf der Matte, als Eltern und als Trainer. Unsere Familien und unsere Arbeit im Verein bilden einen gemeinsamen Kreis. Dass ich beide ehren durfte, ist für mich mehr als ein offizieller Moment. Es war ein Augenblick, der gemeinsame Jahre zusammengezogen hat – ein Moment, der zeigt, wofür dieser Verein steht.
Ein Moment, der bleibt.
Letztes Update: 7. Dezember 2025